Tarifvertrag bewachungsgewerbe berlin brandenburg

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26Die Macht der Gewerkschaften beruht auf den Bemühungen der Lohnempfänger, den Zumindest vorübergehend und auf bestimmte Industrien und Gebiete beschränkten Wettbewerb untereinander zu überwinden, um gemeinsame Ziele auf der Grundlage gemeinsamer Interessen und Werte zu verfolgen. Die strategischen Handlungsoptionen der Gewerkschaften lassen sich am besten anhand des Wandels der individuellen und kollektiven Machtressourcen der Arbeitnehmer beschreiben (vgl. Silber 2003, Brinkmann et al. 2008, Dörre 2010b, Nachtwey/Brinkmann 2010). Machtressourcen, die im Folgenden kurz eingeführt werden, sind keine unabhängigen Variablen, die einander nachfolgen, sondern miteinander verbunden sind: Strukturelle Macht wird durch die Position bestimmter Gruppen auf dem Arbeitsmarkt und im Produktionsprozess bestimmt. Hohe Arbeitslosigkeit, industrieller Wandel, neue Technologien und Globalisierung haben die Machtressourcen vieler Beschäftigungsgruppen sowohl innerhalb der Produktion als auch auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig geschwächt. Organisationsmacht stellt die Stärke der Mitgliedschaft dar und spiegelt darüber hinaus die Fähigkeit der Arbeitnehmer und Gewerkschaften wider, in bestimmten Logiken kollektiven Handelns zu handeln, um die Kontrolle des Kapitals über die Anwendung der Produktionsmittel ändern zu können. 22 Seit der deutschen Wiedervereinigung hat sich eine enorme Lohnspanne abgesprochen. Durch die Dezentralisierung des Tarifsystems und den Rückgang der Tarifbindung hat die Lohnstreuung vor allem im unteren Drittel der Gesellschaft zugenommen (Lehndorff 2009). 2010 beschäftigte fast jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland einen Stundenlohn unterhalb der Niedriglohngrenze von 9,15€. Seit 1998 ist die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten von 40,5 Millionen Erwerbstätigen (ca. 35 Millionen in der Privatwirtschaft) um 2,3 Millionen gestiegen (Kalina/Weinkopf 2012). 21Als hochindustrialisiertes Land bis in die 1990er Jahre hatte Deutschland eine bemerkenswert niedrige Lohnstreuung und einen relativ kleinen Niedriglohnsektor erlebt (Streeck 1997, Müller-Jentsch/Ittermann 2000).

Diese Konfiguration hat sich dramatisch geändert. Diese Veränderungen wurden durch die zunehmende Desorganisation der Arbeitgeberverbände gefördert. Immer mehr Arbeitgeber ziehen sich aus ihren Verbänden zurück oder wechseln ohne die Pflicht zur Durchführung der Tarifverträge (sogenannte OT-Mitgliedschaft) in eine Mitgliedschaft (Streeck 2009). 6Der von Marx als Merkmal der Arbeiterklasse bezeichnete Ausschluss des Privateigentums von den Produktionsmitteln wurde durch die Erzeugung “gleichwertiger” Sozialleistungen kompensiert. Diese werden nicht auf der Grundlage der Logik des Marktes organisiert, sondern durch eine “Sozialisierung des Lohns” (Castel 2003). Der Ausbau des Sozialstaates, aber auch Lohnvereinbarungen, Gesundheitsschutz, Arbeitsrecht, Arbeitsschutz und – im Laufe der Zeit verlängert – Mitbestimmungsrechte beberät die gewachsenen institutionellen Machtressourcen von Arbeitnehmern und Gewerkschaften (Dörre 2010b, Brinkmann/Nachtwey 2010). In einer Zeit wie dieser “normalen Beschäftigung” (Mückenberger 1985) mit einem unbefristeten Vertrag, der durch den Arbeitsschutz geschützt ist und im Rahmen der nationalen Versicherung, ermöglichte es vielen, vor allem männlichen Facharbeitern, ihr Leben selbständig zu planen. So stellte in dieser Zeit die Dekommodifizierung ihre eigene Normalität und Normativität dar.

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